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Meine Erinnerungen an Otto Sander


Zum ersten Mal begegneten wir uns 1996 im großen Hörspielstudio des damaligen SFB. Mein erstes Hörspiel Barclay & Felipe wurde gerade aufgenommen und mein innigster Wunsch, die Rolle des „Barclay“ mit Otto Sander zu besetzen, ging für mich wie ein Wunder in Erfüllung. Der von mir verehrte Schauspieler hatte sofort dem Berliner Sender zugesagt und wollte diese Rolle akustisch spielen.

An einem, der insgesamt drei Aufnahmetage, durfte ich als junger und unbekannter Autor sogar als Ohrenzeuge teilnehmen. Ich hatte diese Rolle Otto Sander direkt „auf den Leib geschrieben“, denn hinter diesem „Barclay“ verbarg sich niemand anderes als der irische Schriftsteller Samuel Beckett. Und ich wusste, dass sich Sander und Beckett einmal in Paris begegnet waren.

Mein Hörspiel „Barclay & Felipe“ war als surreale Komödie konzipiert.  Zwei alte Männer sitzen sich in einem großen altertümlichen Badezuber gegenüber und erzählen sich gegenseitig merkwürdige Geschichten. Beide unterscheiden sich deutlich in ihren Lebensansichten, Gewohnheiten und Charakteren. Irischer Eigensinn trifft auf katalanisches Temperament. Doch es gibt auch Gemeinsamkeiten. Der eine sagt von sich, dass er Schriftsteller sei, der andere behauptet, ein bekannter Maler zu sein. Beide haben einmal zur gleichen Zeit als Künstler in Paris gelebt. Barclay und Felipe reden viel daher, streiten miteinander, versöhnen sich aber auch schnell wieder. Doch immer wieder wird das Vertrauen des einen zum Spielball des anderen - und das absurde Spiel spitzt sich mehr und mehr zu. Der sinnliche, mal witzige, mal melancholische Dialog nimmt am Ende eine überraschende Wende. Samuel „Barclay“ Beckett (1906-1989) und Salvador „Felipe“ Jacinto Dalí (1904-1989) waren sich zu Lebzeiten vermutlich niemals begegnet. Dieser Umstand hatte mich dazu inspiriert, das ungewöhnliche und fiktive Aufeinandertreffen der beiden Individualisten als Hörspieldialog zu arrangieren.

Nach den Wortaufnahmen des Hörspiels, es war bereits Nacht geworden, fragte mich Otto Sander, ob ich noch mit in die „Paris-Bar“ kommen würde. Ich willigte gern ein, ohne zu ahnen, was mich an diesem Ort erwartete. Wir fuhren mit seinem alten und klapprigen Mercedes hin zur Kantstraße und Otto bestellte das erste Bier und einen Glenmorangie, auch für mich. Es sollte in dieser Nacht nicht die letzte Bestellung in dieser Konstellation bleiben. Wir standen direkt am Tresen, vor dem angebrachten Messingschild mit seinem eingravierten Namen. Es war sein Stammplatz in der „Paris-Bar“ und er begann die Geschichte seiner Begegnung mit Samuel Beckett zu erzählen. Es gab also ein Vorspiel:

1981/82 wendete sich Otto Sander zusammen mit Peter Fitz den Werken Samuel Becketts zu. Sander fuhr nach Paris um Beckett persönlich kennenzulernen und um sich von ihm die Erlaubnis zu holen, den Roman „Mercier und Camier“ inszenieren zu dürfen. Zunächst hatte ihn Beckett aus seiner Wohnung rausgeworfen, da aber der junge Schauspieler aus Deutschland nicht locker ließ, trafen sie sich schließlich nochmals und der Schriftsteller kritzelte auf ein Stück Papier die Erlaubnis. „Mercier und Camier“ wurde viele Jahre ein großer Erfolg. Doch auch die Begegnung mit dem eigensinnigen Schriftsteller blieb für Otto Sander nicht ohne Folgen: „Becketts Weltsicht hat Sanders Faible für die Einsamkeit verstärkt“, schrieben die Autoren Klaus Dermutz und Karin Meßlinger in ihrem Buch: Otto Sander – Ein Hauch von Anarchie darf schon dabei sein…

Diesen Hauch von Anarchie, der mir in jener Nacht in der „Paris-Bar“ ins Gesicht blies, habe ich bis heute nicht vergessen. Nach kurzer Zeit bildete sich links und rechts neben uns ein dichter Pulk von Menschen, die alle einmal den bekannten Schauspieler aus nächster Nähe miterleben wollten. Der unbekannte Autor dagegen wurde schnell zur Seite gedrängt und wankte alsbald mit Zick-Zack-Schritten, betrunken aber glückselig, nach Hause.

Mein Hörspiel wurde wenige Monate danach urgesendet und blieb jedoch ohne große Resonanz. Es verschwand nach einer Zweitausstrahlung auf nimmer Wiederhören im Archiv. Das änderte sich erst, nachdem ich die Lizenzrechte erwarb und mit „Barclay & Felipe“ meinen eigenen kleinen Hörbuchverlag begründete. Ich hatte dieses Hörbuch zur Bewertung an die Juroren des Deutschen Hörbuchpreises eingereicht, dies aber bereits schon vergessen, als mich Monate später ganz unerwartet ein Anruf aus Köln erreichte und eine Stimme mir mitteilte, das „Barclay & Felipe“ eben für diese Auszeichnung nominiert worden sei. Das war 2008.

Der Reiz dieses Stückes liegt in der unaufwändigen Form und der gelungenen Umsetzung seitens der Sprecher. Der Hörer wird in die fiktiven Begegnungen herein geholt, wird zum Zeugen. Barclay & Felipe ist ein gelungenes, skurriles Hörspiel mit kammerspielartigem Charakter, das bis zum Schluss Spaß macht.“ 

Diese Begründung der Jury erfüllte mich mit Stolz. Auch die unverwechselbare Stimme Otto Sanders wurde gewürdigt, wenn auch nicht ausgezeichnet; denn diesen Preis für eine „Beste Fiktion“ erhielt damals ein anderes Hörspiel.

Ich durfte Ottos markante Stimme dann noch des Öfteren in vielen Hörspielen und Hörbuchlesungen hören oder ihn bei seinen Lesungen auf Bühnen Live erleben. Er war ein begnadeter Interpret von Ringelnatz, Morgenstern, Beckett oder Fontane und ein großer Meister seines Fachs.

Als ich ihn das letzte Mal traf, saß er ganz allein draußen vor einem kleinen italienischen Feinkostladen in Berlin Wilmersdorf und las in einem Buch. Vor ihm auf dem Tisch standen eine Tasse Kaffee und ein halbgeleertes Schnapsglas. Aus einem Aschenbecher stieg Zigarettenrauch auf.

Als ich ihn so da sitzend sah, musste ich unwillkürlich an einige Figuren aus Beckett´schen Theaterstücke denken. Alles traurige Einzelgänger, Gestrandete, einsame Gestalten, denen er teilweise selbst in unzähligen Theateraufführungen und Inszenierungen seine eigene Persönlichkeit ge- oder verliehen hatte. Es kam mir vor, als wären jetzt genau diese Theaterfiguren zu ihm herabgestiegen und hätten selbst von der Körperlichkeit ihres einstigen Darstellers Besitz ergriffen. Sein ganzer Körperbau war erschreckend dünn geworden, der schwarze Anzug hing an seinem Körper fast hüllenlos herab, seine Gesichtszüge waren von schwerer Krankheit, von zu viel Alkohol und Nikotin, aber auch von einem durchlebten Lebenshumor gezeichnet. Er suchte offenbar die Einsamkeit zu dieser Mittagsstunde in einer Berliner Seitenstraße, als wäre er hier mit „Estragon“, „Camier“ und dem alten „Krapp“ gleichzeitig verabredet.

Otto Sander hat einmal gesagt:

„Ich mag diese Einsamkeit eigentlich. Ich muss damit nicht fertig werden. ... Die Leere, die einen befällt, wenn man etwas Anständiges gemacht hat, die mag ich. Wenn ich nicht einsam sein will, gehe ich in eine Kneipe.“

Damals hieß es in den Medien, der prominente Schauspieler und Hörbuchsprecher hätte seine schwere Krebserkrankung besiegt. Das war nur schwer vorstellbar, auch wenn ich es natürlich sehr erhoffte. Als wir uns begrüßten, fiel mir ein weißes und von eigner Hand beschriftetes Blatt Papier auf, das er über der linken Schulter seines Jacketts angeheftet hatte. Darauf war zu lesen: „Bitte nicht berühren!“ Otto erklärte mir, was es damit auf sich habe: nach einem Sturz hätte er sich das Schulterblatt gebrochen und die Leute hier draußen auf der Straße würden ihn manchmal schulterklopfenderweise begrüßen.

Er war immer ein Mensch zum anfassen, jedenfalls glaubten das viele seiner Fans und selbsternannten Freunde. Ich aber wusste auch, dass es für ihn manchmal eine schwere Bürde war, die er als bekannter Künstler mit sich herumtragen musste. Er versteckte sich niemals hinter einer Sonnenbrille und benötigte auch keinen roten Teppich, um ihn als Laufsteg zur eigenen Selbstdarstellung zu nutzen. Sogar seine Telefonnummer und private Wohnungsanschrift konnte jeder, der nach ihm suchte, ohne weiteres im Berliner Telefonbuch finden. Aber gerade diese Öffentlichkeit forderte mitunter einen sehr hohen Preis.

In einem Interview antwortete er einmal auf die Frage, was er der Welt hinterlassen wolle: „Dass man mich in Erinnerung behält. (...) Gerne auch, dass man das noch lange toll findet.“

Nun ist Otto Sander im Alter von 72 Jahren in Berlin gestorben. Seine plötzlich fehlende Stimme wird zwar eine schmerzhafte Lücke hinterlassen, aber sie wird uns dennoch weiterhin auf vielen Hörbuchproduktionen begleiten.

Otto, du warst toll – und es war schön dich getroffen zu haben.

 

http://www.words-and-music.de Peter Eckhart Reichel 20.09.2013

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Erik Satie - Nominiert für den deutschen Hörbuchpreis 2011 Barclay und Felipe - Nominiert für den deutschen Hörbuchpreis 2008
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