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Wie werde ich Hörbuchsprecher?


Diese Frage stellt man mir fast tagtäglich. Ich versuche deshalb mal auf diese nicht ganz einfache Problematik eine oder mehrere Antworten zu finden:

Sehr oft rufen mich Menschen an und ich höre von ihnen stets die gleichen Sätze: „Man sagt mir, ich habe eine schöne Stimme, und die Leute (Kinder, Senioren, Freunde auf Lesungen usw.) hören mir gern zu und finden meine Stimme toll. Ich möchte mich deshalb bei Ihnen als Hörbuchsprecher bewerben.“

Das ist zwar erfreulich, aber nicht gerade aussagekräftig in Bezug auf ihre Eignung als Hörbuchsprecher.

Wenn ich dann nachhake und anfrage, ob sie eine entsprechende Stimmausbildung oder Schauspielschule absolviert haben, stoße ich nicht selten auf Unverständnis.

Um eine bessere Orientierung zu bieten, soll hier mit diesem Thema eine Möglichkeit geschaffen werden, fachlich fundierte Antworten auf nachfolgende Fragen zu finden:

Wie kann ich Hörbuchsprecher werden?

Vorträge vor Ort oder auf einem Podium gelingen vor allem durch die Persönlichkeit und deren Präsenz und Sympathie beim Publikum. Aber das alles ist weg, wenn man ein Hörbuch produziert, dann zählt nur die Stimme. Und wenn sich ein Zuhörer auf die Geschichte konzentriert, merkt er schnell, ob die Stimme es erreicht, seine Fantasie anzuregen oder nicht.

Natürlich gibt es auch Naturtalente unter den „ungelernten“ Sprechern, aber im Studio müssen sie, wie Berufssprecher, verschiedene Varianten beherrschen und auch anbieten können. Zu dieser Fähigkeit gehört auch ein hohes Maß an Erfahrung dazu. Trotzdem gibt es auch immer wieder erfolgreiche Schauspieler, die nie eine Schauspielschule besucht haben, sie sind aber eher Ausnahmen.

Bei einer Umfrage in einem Hörbuchforum, beschrieb ein Teilnehmer diese (wie ich finde) sehr zutreffenden Situation ganz exakt:

„Gute Hörbuchsprecher sind immer Sprach-Künstler. Sie transportieren Inhalte vom gedruckten Wort in gehörte Sprache - im Idealfall so, dass man beim Zuhören gar nicht auf die Idee kommt, der Inhalt könnte überhaupt den Umweg übers Schriftbild gegangen sein: Jemand erzählt mir einfach eine Geschichte. Und das nicht nur Wort für Wort. Eine Geschichte besteht aus lauter Emotionen, aus Gedanken, aus Zwiegesprächen, aus turbulenten oder brutalen oder beschaulichen Bildern. Das will ich beim Zuhören alles erleben. Ein guter Erzähler, dem ich gerne zuhöre, vermittelt mir jeden Subtext: Die Freude, das Grauen, die Langeweile, die Überheblichkeit, die Hilflosigkeit, die Kränkung - und den Humor, vielleicht die schwierigste Gratwanderung von allen. Aber nicht jeder gute Sprecher, nicht jede prominente Schauspielerin ist auch gleichzeitig für dieses Medium geeignet.“

Hörbuchproduzenten stehen bei jedem zu planenden Projekt immer wieder vor folgendem Problem:

Welcher Schauspieler passt überhaupt von seinem Image, seinem Ausdruck oder seines Sprachklangs her zu welchem Text?

Ist die Interpretationskunst des Schauspielers oder der Sprecherin überhaupt geeignet, der Geschichte in einem Hörbuch die gewünschte Nuance zu verleihen, an die der Leser des Buches vielleicht nie gedacht hat, oder, im günstigsten Fall, die sich sogar mit seiner eigenen Fantasie hundertprozentig deckt?

Sie sollten sich nun selbst auch einige Fragen stellen und diese nach Möglichkeit objektiv beantworten:

Über welche Stimmattribute verfüge ich? Und: Zu welchem Charakterbild würde meine Stimme passen?

Eine sehr gute Artikulation ist für jeden erlernbar, dies ist die Voraussetzung für eine Mikrofonarbeit.

Erfülle ich tatsächlich diese Voraussetzung?

Eine Schauspielausbildung ist sehr von nutzen, weil die Texte oder Dialoge authentischer klingen und Sprechtraining zur Ausbildung gehört.

Aber wer könnte meine Stimme ausbilden?

Zum Beispiel ein Sprachtrainer. Er würde Sie vielleicht solch einem Eignungstest unterziehen:

„Partizipationsprinzipien“ - Versuchen Sie dieses Wort dreimal hintereinander möglichst fehlerfrei auszusprechen. Oder Sie probieren es mit diesem Wort "Assistenzarztattest".  Wenn dies gelingt, versuchen Sie es anschließend mit ein paar Zungenbrechern:

„Der Whiskeymixer mixt den Whiskey. Den Whiskey mixt der Whiskeymixer.“

oder:

„Sechzig tschechische Chemiker checken rechnerisch technische Schemata.“

Wissen Sie nun was ich meine?

Zungenbrecher werden einerseits zur Belustigung aufgesagt, dienen aber andererseits auch professionellen Sprechern als Artikulationsübung. Dennoch sind all diese guten Ratschläge noch kein Garant dafür, dass Sie ein Hörbuch auch gut einsprechen können. Woran liegt das?

Ganz einfach: die meisten Sprecher lesen. Und zwar falsch!

Was muss ein Hörbuchsprecher alles können?

Kennen Sie nicht auch die Situation, dass ein Hörbuch beginnt, eine wunderschöne und markante Stimme startet und wir denken WOW - Was für eine tolle Stimme! Trotzdem schlafen wir nach kurzer Zeit ein. Warum?

Das kann viele Gründe haben: Übermüdung nach einem anstrengenden Arbeitstag, unser Entspannungsbedürfnis oder eine mangelnde Konzentrationsfähigkeit wären möglich. Oft liegt es aber auch am Sprecher, an der Sprecherin, weil sie den Text nicht erzählen, sondern ihn nur vorlesen. Oder anders formuliert: er wird falsch gelesen, nämlich so, wie wir es in der Schule gelernt haben und nicht so, wie wir im realen Leben sprechen.

Ein Beispiel: wir haben gelernt bei einem Komma eine Pause zu machen und die Stimme zu erheben. Ebenso haben wir gelernt bei einer Frage am Ende die Stimme leicht zu betonen.

Bei einen Komma mit dass dahinter wird immer durchgesprochen- alles andere wäre künstlich.

Und wenn mir etwas wichtig ist, dann reicht es, dass ich es denke und fühle, ich muss dem Wort keinen Druck oder Lautstärke verleihen.

Manche Stimmen klingen im natürlichen Raum ganz gut, vor dem Mikrofon, bzw. aus einem Lautsprecher allerdings nicht mehr. Klar gibt es Naturtalente. Aber die Präsenz und Resonanz, die für den Profi-Bereich dringend erforderlich sind, bringt eben meist nur jemand mit Talent und entsprechender Stimmausbildung mit in eine Sprachaufnahme ein. Und selbst unter den Profis ist hierbei die Luft bereits ziemlich dünn...

Sprecher unterscheiden sich neben ihrer jeweiligen Technik vor allem durch ihre unterschiedlichen Stimmlagen, Charakteristik  und ihr Sprachalter. Die Stimmencharakteristika für beide Geschlechter werden oft auch mit den gleichen Attributen beschrieben:

dynamisch, jugendlich, lieblich, mittelkräftig, sanft, dunkel, frech, frisch, hell, kindlich, facettenreich, sinnlich, tief, sonor, voluminös, hart, zart, zickig, rauchig, voll, warm oder weich, markant, seriös, sehr männlich oder sehr weiblich, um nur einige zu nennen.

Aber diese Attribute sagen längst noch nicht alles über die tatsächliche Stimme des Sprechers oder der Sprecherin aus. Sie dienen höchstens als grobe Orientierungsmöglichkeit.

Es existiert natürlich kein Mensch, auf den nur eins dieser stimmlichen Merkmale zutrifft. Stimmen sind vergleichbar mit Musikinstrumenten, die man hart oder weich, laut oder leise, sanft oder heftig spielen kann. Stimme ist Klang.Bei jedem Klang schwingen immer Grundton und Obertöne mit. Professionelle Schauspieler und Berufssprecher haben immer eine langjährige und komplizierte Ausbildung absolviert. Ihre fundierte Ausbildung der Stimme und Sprache ist nicht so einfach zu ersetzen, auch wenn dies immer wieder von „Naturtalenten“ oder Hobby-Sprechern behauptet wird.

Um Ihnen einen Überblick zu geben, habe ich einen kleinen Auszug aus dem Lehrplan einer Schauspielschule für die Sprach- und Stimmbildung zusammengestellt:

- Spannung - Entspannung - Grundspannung (Präsenz)

- Körpermitte als Ausgangspunkt der sprachlichen Äußerung (Zentrierung)

- physiologische Sprechatmung

- Resonanz, Umfang und Modulationsfähigkeit der Stimme

- präzise, dialektneutrale Artikulation

- Sprechen als Handlungsvorgang (Impuls- und Intentionstraining)

- Partnerbezug (Adressieren sprachlicher Äußerungen)

- Sprecherische Gestaltungsmittel (rhythmische - melodische - dynamische Akzente)

Es gibt ganz ausgezeichnete Dialog-Sprecher, die aber nicht in der Lage sind, einem Prosatext (Erzählung, Kurzgeschichte, Roman) dem im Text angelegten Spannungsbogen entsprechenden Ausdruck zu verleihen. Ebenso gibt es auch Sprecher, die zwar ganz hervorragende „Erzähler“ sind, aber bei Dialogen oft nicht den richtigen Ton treffen. Sprecher, die ausschließlich beim Rundfunk arbeiten, benutzen häufig einen für dieses Medium erforderlichen und antrainierten „Rundfunkton“. Für ein literarisches Hörbuch sind diese Berufssprecher nur bedingt einsetzbar. Stellen Sie sich bitte die Stimme eines Ihnen bekannten TV-Moderators vor, der einen literarisch schwierigen Text etwa von Franz Kafka liest.

Würden Sie sich als Literaturkenner solch ein Hörbuch kaufen?

Warum ist Vorlesen eine Kunst?

Sie können zunächst selbst versuchen, diese Frage eigenständig zu beantworten, in dem Sie ein x-beliebiges Hörbuch nach folgenden Kriterien überprüfen:

Wie präsent empfinde ich die Sprecher, dringen sie zu mir durch oder sind sie zu weit entfernt?

Nehme ich dem Sprecher die Geschichte ab? Werde ich davon überzeugt und klingt er natürlich?

Ist der Sprecher sehr gut verständlich? (Artikulation)

Wie setzt der Sprecher die Akzente (in den Sätzen, innerhalb der Worte oder eines Absatzes)?

Sind die Satzbögen stimmig?

Ist der Sprecher in der Lage innerhalb der Handlung auch anderen Personen eine eigene Stimme zu verleihen? Wird diese Stimmenvielfalt richtig eingesetzt?

Sind die Pausen zu lang oder zu kurz?

Werden Sprachtempo und -rhythmik richtig eingehalten?

Wie verhält es sich mit der Eindringlichkeit? (Spannung)

Wie würde ich diesen Text oder Dialog selbst sprechen?

Sie werden nun ganz sicher feststellen, wie viele Kriterien bei einem Hörbuch eine wichtige Rolle spielen und welche unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten es geben kann.

Versuchen Sie immer einen Text als Partitur zu verstehen, der mit menschlichen Stimmen instrumentalisiert werden soll. Suchen Sie intensiv nach den möglichst besten Instrumenten die Sie finden können, um diese Partitur klangvoll mit Leben zu erfüllen. Suchen Sie nach einem Text, der zu ihrem eigenen Instrument passt.

Die Frage "Wie werde ich Hörbuchsprecher?" kann ich daher nur so zusammenfassend beantworten:

Jeder sollte seine eigene Stimme kennen: Sie besitzen nur noch diese, um damit Emotionen zu transportieren. Keine Gestik, keine Mimik.

Wenn Sie eine Begabung haben, Sprache wie Musik begreifen, gerne sprachlich experimentieren und viele Beispiele aktiv hören, lernen Sie auch, dass schauspielerisches Talent absolut notwendig ist.

Mit dem Sprechen beginnen Sie einfach: Sprechen Sie, nehmen Sie sich selbst auf, sprechen Sie jemandem vor, reflektieren Sie und üben, üben, üben Sie jeden Tag. Dazu benötigt man die Liebe zur Sprache, zur Literatur, eine richtige Einstellung und hohe Motivation, ein Gespür und zumindest eine Stimmausbildung.

Es gibt viele gute Schauspieler, die Sprachtraining oder Stimmbildung anbieten, ein Kurs lohnt sich fast immer. Fragen Sie nach den jeweiligen Schwerpunkten ihrer Angebote.

Für eine Demo-Aufnahme stellen Sie einige kurze Texte zusammen. Diese Textauszüge sollten nicht länger als 3-4 Minuten lang sein und vom Inhalt Ihren eigenen Vorlieben entsprechen. Eine aussagekräftige Demo-Aufnahme enthält oft einen humorvollen Text, einen lyrischen, einen kurzen Auszug aus einer Erzählung oder aus einem Roman. Immer sollten die Leseproben dem eigenen Naturell entsprechen. Gekünstelte Aufnahmen verfehlen stets ihre Wirkung.

Sprachproben sagen sehr viel aus, produzieren Sie mal einfach eine und vergessen Sie nicht, erst üben, dann jemandem vorsprechen, wieder üben und erst dann zur Demo-Aufnahme ins Tonstudio gehen. Dann wissen Sie wo Sie stehen und haben eine erfolgreiche Aufnahme als Ziel im Ohr.

Senden Sie anschließend die Demo-CD an ausgewählte Sprecheragenturen. Dort findet sich immer ein geschultes Gehör. Die Sprecheragenturen erkennen eure Stärken und Schwächen und helfen gern dabei, jeder guten Stimme eine akustische Plattform auf dem immer größer werdenden Marktplatz der Sprecherzunft einzuräumen.

Vielleicht möchten Sie selbst an einem unserer kommenden Sprecher-Workshops teilnehmen? Mehr darüber erfahren Sie hier.

Empfehlen möchte ich auch diese beiden Ratgeber:

HÖRBÜCHER PRODUZIEREN - Von der Idee zur fertigen Audioproduktion

STUDIO-WORKSHOP: Hörspiele konzipieren und professionell produzieren

 

 

 

http://www.words-and-music.de Peter Eckhart Reichel 27.08.2012

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Erik Satie - Nominiert für den deutschen Hörbuchpreis 2011 Barclay und Felipe - Nominiert für den deutschen Hörbuchpreis 2008
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